3. b. Die Stellung des „Trabi“ in der DDR-Gesellschaft
In vielerlei Hinsicht verkörpert der Trabant als ein Produkt der ständigen
Improvisation den oft mühseligen Alltag in der DDR. Und trotz allen Ärgers und
der unzähligen, teils spöttischen, teils verzweifelten Witze über die langen
Lieferfristen, seine technische Rückständigkeit, seine Winzigkeit und
Umweltfeindlichkeit, diente der ‚Trabi’, wie der Kleinwagen im DDR-Alltag
verniedlichend genannt wurde, Millionen Menschen als relativ zuverlässiges und
unverwüstliches Gefährt. Der spätestens ab den 1980er Jahren immer lauter
werdende Unmut über den inzwischen völlig überholten DDR-Pkw spiegelte sich auch
in den verschiedensten, wenig wohlmeinenden Spitznamen wider, die die DDR-Bürger
dem Trabant verliehen, wie zum Beispiel „Gehilfe“ oder „Rennpappe“.
Wurden in der Bundesrepublik vor allem bestimmte Automarken und -modelle schnell
zu Statussymbolen, über die sich vor allem jüngere Autofahrer zu definieren
versuchten, war in der DDR aufgrund der nicht sehr breit gefächerten Auswahl an
Fabrikaten schon der Besitz eines eigenen Wagens Ausdruck eines gewissen Luxus,
den man sich in der Regel frühestens mit Anfang 30 leisten konnte. Dennoch
dienten auch in der DDR die vereinzelten Luxuskarossen Parteifunktionären und
anderen prominenten Persönlichkeiten als Statussymbol, und auch hier wurde das
Automobil als Instrument genutzt, Hierarchien zu demonstrieren.
Zu den bekanntesten Trabi-Witzen
Im Leben des Einzelnen nahm der eigene Trabant einen hohen Stellenwert ein,
weil in der DDR der Kauf eines privaten Pkw u. a. wegen der langen Lieferfristen
als Anschaffung fürs Leben betrachtet wurde. Außerdem kostete die Pflege und
Wartung der Autos mangels Werkstätten und Ersatzteilen viel (Frei-)Zeit und
verlangte persönlichen Einsatz. Bei Reparaturen waren Ideenreichtum, Geschick
und vor allem Geduld gefragt. Weil der Unterhalt des Trabis umständlich und
zeitaufwändig war und er möglichst lange fahrtüchtig bleiben sollte, ging der
Trabi-Besitzer auch sehr sparsam mit der Jahreslaufleistung seines Autos um –
bei 2-3 Prozent der DDR-Pkw tendierte diese Leistung sogar gegen null.
Das eigene Auto diente vor allem in der Freizeit am Wochenende oder im Urlaub
als Fortbewegungsmittel. Im Alltag dagegen nutzte man in der Regel den
wesentlich kostengünstigeren öffentlichen Nahverkehr und schonte so den eigenen
Wagen.
Autos waren in der DDR, stärker als in der Bundesrepublik, Freizeitmobile und
boten den in der sozialistischen Gesellschaft lebenden Menschen eine der wenigen
Möglichkeiten zur Individualisierung. Als ein – im doppelten Sinn –
Rückzugsvehikel ins Private gab der eigene Trabi den DDR-Bürgern ein gewisses
Gefühl von Unabhängigkeit und Privatsphäre.
Auch sportlich nahm der Trabant eine nicht zu unterschätzende
Stellung in der DDR ein. Von Beginn an gehörte der Motorsport zum
Trabant und die Erfolge, die dieser zum Teil erzielte, erstaunen
angesichts der Schlichtheit und Rückständigkeit dieses
Wagens. Tausende von Fans fieberten bei den Rennen zwischen den
sozialistischen Staaten mit, bei denen der kleine Flitzer in seiner
Klasse meist siegte, was jedoch kein Kunststück war, da der
Trabant bei diesen Veranstaltungen in der niedrigsten Hubraumklasse
meist auf private Konkurrenz stieß. Dennoch besaß die
Motorszene in der DDR eine große und begeisterte
Anhängerschaft. Auch Autozeitschriften waren in der DDR ebenso
beliebt wie in anderen Ländern auch. Die Presse der drei
Fachzeitschriften „Illustrierte Motorsport“,
„Kraftfahrzeug-Technik“ und „Der Deutsche
Straßenverkehr“ kam mit wenigen parteitreuen
Pflichtbeiträgen aus und berichtete sogar, wenn auch mit
großer Zeitverzögerung, über neue Produkte und
Entwicklungen im Westen. Zum Teil wurde sogar Kritik an der eigenen
Fahrzeugindustrie geübt, was die Popularität der
Zeitschriften in der Bevölkerung nur steigerte. So mussten die
Auflagen häufug wegen Papierknappheit stark begrenzt werden. Zwei
wesentliche Themen jedoch, die die DDR-Bürger in hohem Maße
interessierten und beschäftigten, nämlich die Preispolitik
und die langen Lieferfristen, wurden auch in diesen Fachzeitschriften
nicht thematisiert und blieben bis zum Ende der DDR ein Tabu.
Trabant als Rennwagen

(Dieses Bild basiert auf dem Bild Trabant_RSO2(ThKraft).jpg aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Der Urheber des Bildes ist Thomas Kraft.)
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