Es liegen nicht nur Kurzbeschreibungen von Beständen - 2002 kam beispielsweise ein Kurzinventar zu den Codices von St. Paul im Lavanttal hinzu - vor, sondern es wurde auch eine umfangreiche Literaturdokumentation zu Handschriften in österreichischen Bibliotheken realisiert. Hier kann man zu einer bestimmten Handschrift neuere Literatur finden, beispielsweise zum Codex Schottenstift Wien 234 die (beste) Beschreibung durch Siegfried Ringler 1980, aber auch Erwähnungen in Verfasserlexikonartikeln desselben Autors. Von der bei der Signatur abgekürzt zitierten Literatur führt ein Link zum Abkürzungsverzeichnis, das in einem anderen Bildschirmbereich (frame) dargestellt wird. Obwohl eine Suchfunktion über die Inhalte (lokale Suchmaschine) des Akademie-Angebots leider noch fehlt, ist die Bibliographie, die teilweise auch sehr kleine Bibliotheken erfaßt, ein vorbildliches Arbeitsinstrument, von dem man nur hoffen kann, daß es auch andernorts realisiert wird!
Ein praktisches Beispiel für den Nutzen der Wiener Seiten: Arnold Schromm übernimmt in seiner Studie "Die Bibliothek des ehemaligen Zisterzienserinnenklosters Kirchheim am Ries" von 1998, S. 312 die (auch sonst sehr oft unzuverlässigen) Angaben von Sigrid Krämer, Handschriftenerbe des deutschen Mittelalters, Bd. 1, 1989, derzufolge zwei Handschriften in St. Paul im Lavanttal aus dem Rieskloster stammen. Mit Hilfe der Konkordanz der bei Schromm angegebenen alten Kastensignaturen ließ sich rasch feststellen, daß es sich um zwei Handschriften handelt, die in Wirklichkeit aus dem Dominikanerinnenkloster Kirchheim unter Teck kommen. Die Handschriftenbibliographie weist überdies zu den beiden Codices gedruckte Literatur nach, die Schromm vor der Weiterverbreitung der falschen Provenienzangabe hätte konsultieren sollen.
Erwähnung verdient auch die TABULAE-Datenbank mit 50.000 Datensätzen, das überarbeitete Register der acht Katalogbände zu den Handschriften Cod. 1-15.000 der Österreichischen Nationalbibliothek Wien.
Eine Wasserzeichendatenbank der Kommission befindet sich im Aufbau. Ein von mir 1990 publizierter Diskussionsbeitrag in der "Gazette du livre médiéval" (Inhaltsverzeichnisse, einzelne Volltexte) zur Wasserzeichendatierung ist übrigens ebenfalls im Internet vorhanden, nachlesbar im Archiv der Mailingliste LIB-L. (Die beste Zusammenstellung zum Thema Wasserzeichen im World Wide Web bietet die Virtual Library Handschriftenkunde.)
Eine Ergänzung der Kommissions-Angebote stellt die von dem Wiener Kunsthistoriker Friedrich Simader vorgelegte umfangreiche Datenbank Illuminierte Handschriften aus Österreich (ca. 780 - ca. 1250) dar. Über die Erschließung illuminierter Handschriften und den wissenschaftlichen Nachlaß des Kunsthistorikers Otto Pächt (1902-1988) wird man auf den vorbildlichen Seiten der Wiener Bibliotheksstiftung Otto Pächt. Forschungsstelle zur Bearbeitung mittelalterlicher illuminierter Handschriften unterrichtet. Hier kann auch die komplette Wiener Dissertation von Martin Roland 1991 über illustrierte Weltchronikhandschriften eingesehen werden!
Die Universitätsbibliothek Graz (Hans Zotter) hat ihre gesamten Handschriftenkataloge über das Internet zugänglich gemacht. Hier ist eine Volltextsuche vorhanden, über die man Inhalte in den mehr als 2000 Katalogisaten finden kann. Hinzuweisen ist auch auf die Internetversion der Bibliographie faksimilierter Handschriften (von Hans und Heidi Zotter, 2. Aufl. 1995). Über die Digitalisierung des steirischen Dokumentenerbes informiert ein Aufsatz Zotters im "Bibliotheksdienst " 2000.
Eine inhaltsreiche Seite zu Innsbrucker Handschriften und Inkunabeln bietet Sieglinde Sepp von der UB Innsbruck mit ihrer Bibliophilen Homepage. Aus dem Inhalt: Kurzinventar der Cod. 300-400, Kurzliste deutschsprachiger Handschriften, Seminar über eine theologische Sammelhandschrift (Cod. 132).
Vor allem für österreichische geistliche Institutionen liegt mit der Suchmaske der Hill Monastic Manuscript Library nunmehr ein wichtiges Hilfsmittel zur Textsuche vor.
Linkübersichten
Auf der Homepage der Wiener Kommission fand man die im deutschsprachigen Bereich wohl beste kleine Linksammlung zur Handschriftenforschung vor, darunter natürlich auch der unvermeidliche Link zur entsprechenden Rubrik von Labyrinth (die aber absolut veraltet und daher nicht mehr hilfreich ist). Dann aber wurde die Wiener Sammlung lange nicht gepflegt, bis sie sich 2002 glanzvoll zurückgemeldet hat. Hinzuweisen ist daneben auf folgende Zusammenstellungen:
Düsseldorfer Virtuelle Bibliothek: Rara
Internetquellen zu
Handschriften (Stadt- und UB Frankfurt am Main)
VL-DE Geschichte:
Mittelalter: Handschriften (Stuart Jenks) (mit Links zu Editionsfragen)
Internet-Links für Handschriftenbearbeiter (Handschriften-Forum Foto Marburg)
Mediaevum.de: Mittelalterliche Handschriften (erlaubt auch das Verschicken virtueller Grußkarten mit Handschriftenmotiven)
WICHTIG: Seit Februar 2001 bietet die Virtual Library Geschichte: Historische Hilfswissenschaften eine ausführlich kommentierte umfangreiche Linkzusammenstellung an, die Seite: Handschriftenkunde/Kodikologie. Sie wurde von Georg Vogeler, Patrick Sahle, Horst Enzensberger und mir erstellt. Sie weist unter anderem die Internetseiten der wichtigsten Handschriftenabteilungen im Netz nach und ist stets ergänzend heranzuziehen.
Im Rahmen der im Volltext verfügbaren Literaturberichte Handschriftenkataloge im "Deutschen Archiv" von Arno Mentzel-Reuters (MGH) werden auch Internetressourcen besprochen.
Die MGH hat auch den handschriftlichen Katalog der Merseburger Dombibliothek (als Faksimiles) digitalisiert.
Höchst lobenswert sind die 'Marburger Repertorien zur Überlieferung der deutschen Literatur des Mittelalters'. "Sie bilden ein digitales Archiv, das Dateninventare zu einschlägigen Handschriften und Drucken bereitstellt." Neben einem Handschriftencensus und einem Repertorium deutschsprachiger Handschriften des 13. Jahrhunderts werden Abbildungen deutschsprachiger Handschriften im Internet nachgewiesen. Dieses und andere Internetprojekte stellt die online nachlesbare Rubrik Mittelalter-Philologie im Internet der ZfdA vor.
Weitere Seiten in kleiner Auswahl
Besonderer Rang kommt dem Pilot-Projekt Codices Electronici Ecclesiae Coloniensis zu, das alle mittelalterlichen Handschriften der Kölner Dombibliothek digitalisieren will und bereits beachtliche Ergebnisse vorweisen kann.
Die UB Heidelberg hat spätmittelalterliche deutsche Bilderhandschriften digitalisiert und bietet eine ergänzende Linkliste an.
Ein amerikanisches Projekt: das Digital Scriptorium von Berkeley (mit zahlreichen deutschen Handschriftenprovenienzen - in "Country" Germany eintragen!).
Der virtuellen Rekonstruktion der bei einer Auktion 1883 zerstreuten Bibliothek der Kartause Buxheim (bei Memmingen) widmet sich ein amerikanisches Projekt des Germanisten William Whobrey: Buxheim Library. Neben Bibliothekskatalogen und Datenbanken wird eine sehenswerte Bildergalerie angeboten.
Als Vorarbeit zu einer dringend wünschenswerten Rekonstruktion der 1999 zerstörten Hofbibliothek Donaueschingen kann eine von Felix Heinzer erstellte Übersicht über die neuen Standorte der Fürstenbergischen Handschriften gelten (im Rahmen der gelungenen WWW-Vorstellung der Stuttgarter Handschriftenabteilung).
Hier vielleicht einzuordnen: meine eigene Seite: Der Schwäbisch Gmünder Kaplan und Bücherfreund Jörg Ruch - 1470 ein Kunde des Geislinger Buchbinders Johannes Richenbach.
Besonders hervorzuheben ist in Deutschland das Angebot der Erzbischöflichen akademischen Bibliothek Paderborn. In ihm finden sich Kurzbeschreibungen der mittelalterlichen Handschriften in Paderborn (von Ulrich Hinz). - Die ebenfalls im Rahmen des "Handschriftencensus Westfalen" erstellten Beschreibungen der 18 mittelalterlichen Codices [http://www.llb-detmold.de/httpddoc/HsCensus/index.htm] der Lippischen Landesbibliothek Detmold waren ebenfalls online, wurden aber vom Netz genommen (festgestellt 16.5.2000). Man findet allerdings eine Kopie unter archive.org.
Einen Besuch lohnt das private Angebot des Verlags Erwin Rauner. Über den ERV-Server erhält man freien Zugang zu Handschriftendatenbanken und digitalisierten Werken, wobei an erster Stelle die Halmschen Kataloge der Münchner lateinischen Handschriften (Clm) zu nennen sind.
Handschriftenbeschreibungen im Rahmen einer Buchpaten-Aktion hat die Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf ins Netz gestellt.
Wenigstens ein Register ihrer Buchhandschriften bietet die Pfälzische Landesbibliothek Speyer.
Einen gelungenen virtuellen Rundgang durch ihre Sondersammlungen präsentiert die Universitätsbibliothek Leipzig.
Ein Vorbild für die meistens sehr dürftige Präsentation der Handschriftenabteilung auch in traditionsreichen Bibliotheken müsste das geradezu sensationelle Angebot der Königlichen Bibliothek Kopenhagen sein. Die wichtigsten Handschriftenkataloge sind in Faksimileform digitalisiert, darunter C. Borchlings "Mittelniederdeutsche Handschriften in Skandinavien" (1900) mit Mitteilungen auch aus Stockholm, Uppsala, Lund und Christiania. Die neueren Erwerbungen sind über Datenbanken recherchierbar. Eine stattliche Anzahl von Manuskripten (etwa ein deutsches Arzneibuch und eine Kriegskunst) liegt ebenfalls digitalisiert vor. Empfehlenswert auch die Linkliste!
Beispiele für thematische Repertorien:
Handschriften von lateinischen Heiligenlegenden erschließt eine Datenbank, ausgehend von den Manuskriptkatalogen der Bollandisten: Bibliotheca Hagiographica Latina Manuscripta (mit namentlicher Anmeldung frei zugänglich).
Hussitische Handschriften dokumentiert die in Konstanz erstellte Hus-Datenbank: Repertorium fontium Hussiticarum (MS Access erforderlich!).
Aktuelle Diskussion zur Zukunft der Handschriftenkatalogisierung: Mit einem Papier der DFG setzt sich A. Mentzel-Reuters im Bibliotheksdienst Heft 12/2000 kritisch auseinander.
Aufruf der Paläographen gegen Reproduktionsgebühren (weiteres in der Liste URECHT und in diesem Angebot).
Das Marburger Handschriften-Forum Manuscripta Mediaevalia vom Bildarchiv Foto-Marburg bietet inzwischen einen grandiosen Service: den unkomplizierten Zugang zu 175 DFG- und weiteren Handschriftenkatalogen, deren Inhalte als Bilddateien online gelesen werden können.
Neben der unten vorzustellenden Berliner Datenbank sollte immer auch die Marburger Handschriftendatenbank konsultiert werden, angeboten im Rahmen des genannten Handschriften-Forums (mit Links und Mailingliste für Handschriftenbearbeiter) vom Bildarchiv Foto Marburg. Das von der DFG initiierte Projekt soll den Berliner "Gesamtindex mittelalterlicher Handschriften" (siehe unten) ergänzen.
Am einfachsten benutzt man den Freitext-Index (unter Gesamtindex), wobei aber bei einer kombinierten Suche mit mehreren Begriffen unbedingt mit den angegebenen Operatoren gearbeitet werden muß (falsche Eingabe: Felix Fabri, richtig: Felix <und> Fabri).
Eine Initien-Testdatenbank umfaßt eine Auswahl von 13600 deutschsprachigen Initien, nach denen mit normalisierten mittelhochdeutschen
Wortformen gesucht werden kann. Soll das Wort
Ausgabebeispiel:
sein, sei - Piß mir ein beschirmer in got vnd zu einer stat der zuflucht
Grundwörter: sîn [V] & be-schirmaere [S] & got [S] & stat [S] & zuo-vluht [S]
Ms. 3 , 0247recto
Die Handschrift Ms. 3 ist beschrieben in: Erbach, Gräflich Erbachisches Gesamthausarchiv. Handschriftenarchiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ; zur Zeit als Depositum in : Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (Haus 2). - Kasten 91 - (Kat. in Bearb.)
Über die Handschriftendatenbank wurde auf der Leipziger DFG-Tagung 1999 der Handschriftenbearbeiter diskutiert (Referate und Diskussion).
Die Archivdateien der Marburger Handschriften-Mailingliste Diskus können via Machno online angefordert werden. Mailinglistenbeiträge, die auch an die deutschsprachige Mittelalter-Liste MEDIAEVISTIK gingen, sind in deren Archiv zu finden.
Nach einer e-mail von Foto Marburg vom 1.4.1999 sind von folgenden Handschriften bereits vollständige Beschreibungen aufgenommen (ihre Dokumentnr. beginnt mit 3):
Soest, Cod. 1
Berlin, Ham. 100
Stuttgart, Cod. brev. 128
Berlin, Ms. theol. lat. fol. 628
Berlin, Ms. theol. lat. fol. 357
Berlin, Ms. theol. lat. fol. 367
München, Clm 4506
Berlin, Ms. theol. lat. fol. 283
Berlin, Ms. theol. lat. fol. 34
Fulda, Aa 39
Fulda, Aa 35
Nürnberg, Cent. II, 91
München, Clm 14041
Berlin, Ms. lat. fol. 247
Berlin, Ms. lat. fol. 249
Berlin, Ham. 99
Berlin, Ms. lat. fol. 378
München, Clm 4507
München, Clm 4603
Soest, Cod. 29
Stuttgart, Cod. brev. 89
Stuttgart, Cod. brev. 93
Stuttgart, Cod. brev. 94
Stuttgart, Cod. brev. 96
Stuttgart, Cod. brev. 130
Nürnberg, Cent. III, 74
Nürnberg, Cent. II, 75
Nürnberg, Cent. V, 93
Nürnberg, Cent. V, 93
Nürnberg, Cent. V, 77
Fulda, Aa 47 a
Fulda, Aa 31a
Ansbach, Ms. lat. 31
Augsburg, Cod. II. 1. 2° 76
Berlin, Ms. theol. lat. qu. 192
Frankfurt (Main), Ms. Praed. 114
Frankfurt (Main), Ms. Praed. 141
Hannover, Stb, Ms. Mag. 56
Rom, Pal. Lat. 1211
Rom, Pal. Lat. 1270
Köln, W 201
München, Clm 14035
München, Cgm 5234
Fulda, Aa 31a
Wer sich beispielsweise die Einträge zu Fulda Aa 35 anschaut, erhält auf diesem Wege eine komplette Beschreibung im Kategorienformat, kann den gedruckten Katalog im Faksimile und darüberhinaus noch Bilder aus der Handschrift betrachten.
In der Rubrik Digitalisierte Handschriften stehen Beispiele (9 aus Berlin, 1 aus Fulda: Aa 35, sowie Heidelberger Bildhandschriften) zur Ansicht bereit.
Nach dem Login als GUEST wählt man die Datenbank "Handschriften des Mittelalters". Man findet sich besser zurecht als mit der Vorgängerversion. Es gibt auf einer eigenen Seite Suchtips auf englisch (z.B. Umlaute auflösen!, Rechtstrunkierung mit ?).
Ich gebe einige einfache Beispiele:
Wer in das Eingabefeld
Ausgabebeispiel:
IN: Die vier fursten reichs: herczog von Schwaben
BI: München, SB, Cgm, Kat. 5.5
CO: Cgm 696
FO: Nr. 4d
QU: SCHNEIDER, Karin: Die deutschen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek Muenchen : Cgm 691-867. - Editio altera. - Wiesbaden :
Harrassowitz, 1984. - (Catalogus codicum manu scriptorum Bibliothecae Monacensis ; T. 5, Ps. 5)
[Es handelt sich, wie jedem Kundigen klar sein dürfte, um einen Quaternionentext.]
Ausgegeben wurden hier: Incipit, Bibliothek, Codex und laufende Nummer innerhalb
der gedruckten Beschreibung (sonst meist eine Blattangabe) sowie die
Quelle, der Handschriftenkatalog.
Die gleiche Suche liefert übrigens auch einen willkommenen Beleg zum Thema regionale Identität, nämlich daß der heilige Ulrich als Schwabenheiliger galt: In einer Trierer Handschrift (um 1490) nennt ihn ein Gebet schinbares gestiren der Schwaben.
Die "Handschriften des Mittelalters" sind ein Nachweis über die Inhalte von Handschriften vornehmlich deutscher Bibliotheken vom frühen Mittelalter bis zur frühen Neuzeit. Die Hauptquelle der Daten bilden die Register der von der DFG geförderten gedruckten Kataloge mittelalterlichen Handschriften (ausgehend vom "Gesamtindex zu den seit 1945 erschienenen Handschriftenkatalogen", siehe Besprechung der Mikroficheausgabe in den IFB und des vergleichbaren Unternehmens in Frankreich ebenda ), ergänzt durch Bestände des Handschriftenarchivs der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (Arbeitsstelle "Deutsche Texte des Mittelalters").
Dieses Archiv stellt nun umfangreiche Materialien zu dieser bedeutenden Sammlung von Handschriftenbeschreibungen bereit, darunter auch bereits einige faksimilierte handschriftliche Beschreibungen, beispielsweise zu Hamburg, Cod. germ. 3.
Die Beschreibungen des Handschriftenarchivs enthalten oft wertvolle Informationen
über nicht von gedruckten Katalogen erschlossene Bibliotheken. So gibt die Eingabe
In der Datenbank kann nach allen Inhalten gesucht werden, die in Form von
Registereinträgen (Kreuzregister: Namen, Sachen, Provenienzen usw.;
Incipit-Register) vorliegen. Man findet also beispielsweise mit
Einem Freund konnte die Nützlichkeit der Datenbank dadurch schlagend bewiesen werden, daß über die Eingabe
Es sind auch komplexere Recherchen möglich, etwa die Verknüpfung eines gefundenen Incipit mit den dazugehörigen Kreuzregistereinträgen: Eingabe von cgm 699 in Verbindung mit co: und im zweiten Term von 4 in Verbindung mit fo: oder alternativ von
Fazit: Die Datenbank ist aufgrund ihres großen Umfangs und (relativ) einfacher
Handhabung nicht nur etwas für Handschriftenfachleute, sondern kann sogar
Einsteigern empfohlen werden, die noch kaum mit Handschriftenkatalogen gearbeitet haben.
Der Germanist Erich Kleinschmidt hatte in einem umfangreichen Kollektaneenband des bekannten Historikers Wilhelm Werner von Zimmern (gest. 1575) aus der Mitte des 16. Jahrhunderts eine höchst bemerkenswerte lateinische Exemplasammlung entdeckt, die er dem Prior Rudolf des Dominikanerklosters Schlettstadt zuschrieb. Er publizierte den Text 1974 unter dem Titel "Historiae memorabiles". Es handelt sich um frühe Belege für den Teufels- und Dämonenglauben, die durch die Aufzeichnung von Liedern (mit Melodienotation), die angeblich von Geistern gesungen wurden, sogar einzigartigen Charakter haben (so Kleinschmidt zusammenfassend im neuen Verfasserlexikon Bd. 8, Sp. 370). Kurz: "eine kulturgeschichtliche Quelle ersten Ranges" (Johannes Grabmayer, Rudolf von Schlettstadt und das aschkenasische Judentum um 1300, in: Aschkenas 4, 1994, S. 301-336, hier S. 334), die denn auch in dem neu erschienenen Buch von Johannes Grabmayer, Zwischen Diesseits und Jenseits. Oberrheinische Chroniken als Quellen zur Kulturgeschichte des späten Mittelalters, Köln/Weimar/Wien 1999, oft herangezogen wird.
Heute befindet sich die ehemals Donaueschinger Handschrift 704, der Kleinschmidt den Text entnahm, in der Obhut der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart und ist von Felix Heinzer im 1993 erschienenen Katalog "Unberechenbare Zinsen" als Nr. 44 kurz beschrieben worden.
Ein Vergleich der Ausgabe Kleinschmidts mit den Datenbankeinträgen erweist den Sigmaringer Cod. 64 eindeutig als bislang unbekannte zweite Überlieferung der Exemplasammlung des Rudolf von Schlettstadt. Was es mit dieser "Entdeckung am Bildschirm" auf sich hat, wird hoffentlich bald von anderer Seite geklärt werden. Dies betrifft natürlich vor allem die nur durch Einsichtnahme in die Handschrift zu beantwortende spannende Frage, ob die Sigmaringer Handschrift bloß eine Abschrift der Zimmern-Kopie ist oder ob ihr eigener textkritischer Wert zukommt.
Nachtrag Ende November 1997: Inzwischen hat Felix Heinzer (Stuttgart) die Handschrift eingesehen und in einen in Wolfenbüttel gehaltenen Vortrag den nun folgenden Kurzbericht eingebaut. Aus ihm (mitgeteilt per e-mail vom 22.11.1997) geht hervor, daß es sich bei dem Handschriftenfund doch um eine geradezu sensationelle Entdeckung handelt:
Erich Kleinschmidt konnte keine weiteren Textzeugen dieser Sammlung außerhalb von Cod. Don. 704 (im folgenden D) nachweisen (op. cit. S. 6). Diese Situation hat sich nun nachhaltig verändert dank dem Spürsinn von Dr. Klaus Graf (Koblenz und Freiburg i. Br.). Dieser war bei Recherchen im Gesamtindex mittelalterlicher Handschriftenkataloge der Bundesrepublik Deutschland auf einige Hinweise gestoßen, die den Verdacht nahelegten, die bisher praktisch unbeachtete Hs. 64 der Fürstlich Hohenzollerischen Hofbibliothek in Sigmaringen (im folgenden S) könnte ebenfalls Material aus der Sammlung des Schlettstädter Dominikanerpriors enthalten. Bei der Autopsie, die ich Klaus Grafs freundlichem Hinweis folgend unternahm, zeigte sich rasch, daß Grafs Verdacht mehr als nur begründet war: Der inhaltlich homogene Sammelband enthält Geschichten, deren Thematik man am besten mit dem Stichwort des Unheimlichen und Skurrilen, oft Schockierenden umschreiben könnte und deren Personal sich fast durchweg aus der Welt der Dämonen und Geister, Hexen und Zauberer, Räuber und Dieben und sonstigen, fürchterlichsten Strafen unterworfenen Frevlern rekrutiert, und die sich natürlich auch in dem Arsenal der in solchem Kontext offenbar unvermeidlichen antisemitischen Schauergeschichten bedient. Der Codex - übrigens ein weiteres, bisher völlig unbekanntes Autograph Wilhelm Werners von Zimmern! - enthält in der Tat praktisch sämtliche der in Don. 704 überlieferten Texte, die mit Rudolf von Schlettstadt in Verbindung gebracht worden sind (S 178r-191r = Kleinschmidt, Nr. 1, 4, 2, 3, 5-7, 9-11, 16, 12-15 [D 198r-206r]; S 63r- 86r = Kleinschmidt, Nr. 17, 23, 18-22, 24-32, 34, 35-45, 47-52, 54, 56, 53; S 31v = Kleinschmidt, Nr. 46, und darüber hinaus eine weitere Anzahl von Texten (3r-8r und 108r-158v), die höchstwahrscheinlich ebenfalls Rudolf von Schlettstadt zugeschrieben werden können. S erweitert also, wenn nicht alles täuscht, die Überlieferungslage der "Historiae memorabiles" in ganz erheblichem Maße. Eine detailliertere Untersuchung der Handschrift, deren jüngstes datiertes Teilstück ins Jahr 1565 zu datieren ist, kann im Rahmen dieser Arbeit allerdings noch nicht geleistet werden.
Nachtrag Ende August 1998: Stefan Georges (damals Freiburg) hat in seiner Hausarbeit "Der Sigmaringer Codex 64: Eine Zweitüberlieferung Rudolfs von Schlettstadt. Erste Untersuchungsergebnisse" neue Erkenntnisse gewonnen und im Anhang 12 ungedruckte Geschichten ediert. Wichtigstes Ergebnis: Die Verfasserzuschreibung an Rudolf von Schlettstadt ist nicht haltbar. Georges wird das Thema als Magisterarbeit weiterverfolgen.
Nachtrag Februar 1999: Die im Wintersemester 1998/99 eingereichte Magisterarbeit liegt vor unter dem Titel:
Graf Wilhelm Werner von Zimmern als Historiensammler: Die
Wundergeschichtensammlung des neuentdeckten autographen Sigmaringer
Codex' 64 (92 Seiten)
Diese ausgezeichnete Studie identifiziert die meisten Vorlagen der 261 von Georges mit
Inhaltsangaben zusammengefaßten
Geschichten. Sie stammen überwiegend aus der frühneuzeitlichen
Kompilationsliteratur. Hinsichtlich der sogenannten "Historiae
memorabiles" (56 plus 2 im Donaueschinger Codex überlieferte, 54
bisher unbekannte in der Sigmaringer Handschrift)
weist Georges die Verfasserschaft Rudolfs zurück. Überzeugend
wird stattdessen der sogenannte Colmarer Dominikanerchronist als Autor vorgeschlagen. Eine Teiledition von zehn ungedruckten Geschichten beschließt die gelungene Magisterarbeit. Eine Neuausgabe der
Sammlung wäre dringend wünschenswert und Georges will sich dieser
Aufgabe in einer bereits weit gediehenen - so seine Mitteilung vom Juli 2002 - Arbeit unterziehen.
Als Kostprobe hat mir Herr Georges die folgende Geschichte vorab zur Veröffentlichung überlassen:
Nr. 179 De quodam facinoroso, qui in cimiterio sepelitur, vera historia
In Brisgauia in villa Kirchofen [Kirchhofen, ca. 4 km nördlich von Staufen (Breisgau).] quidam rusticus facinorosus occiditur et in cimiterio sepelitur. Proxime [Hs. proximo.] cimiterio et tamen extra muros est locus, in quo iuventus utriusque sexus solacii causa sepe [sepe: Korrekturzusatz mit Einfügungszeichen am Blattrand.] convenerunt chorizando et alias levitates exercendo. Proximo autem die post obitum et sepulturam huius miseri occisi hunc locum iterum visitarunt et ibi verbis et factis suas stulticias usque et post crepusculum commiserunt. Inter illos autem unus eorum dicebat: "Non acciperem decem solidos, ut sepulcrum huius mortui, qui hodie in cimiterio sepultus est, visitarem." Alter dixit: "Non acciperem viginti libras." Similiter plures alii suas opiniones in medium produxerunt. Fuit inter eos [Hs. es.] iuvencula, que dicebat: "Acciperem talem pecuniam (numerum nominando) et sepulcrum eius continuo visitarem." Tunc iuvenes dixerunt: "Accipe clavem [clavis hier und in der übernächsten Zeile irrtümlich für clavus] et martellum et infigas illum ligno, quod supra sepulcrum iacet, et subito revertaris (te enim expectabimus), et promissam pecuniam [ Hs. pecunia.] habebis." Iuvencula clavem et martellum suscipiens ad sepulcrum pergit et ex improviso vestem cum clavo eciam assere affixit (quia multum properavit), et, cum vellet iterum celeriter abire, vestis autem affixa eam impediret, ex inproviso timore perterrita statim expiravit. Post longam horam iuvenes eam expectantes, sed non revertentem [sed non revertentem: defektive Konstruktion.], accensis luminibus cimiterium intrantes, eam querentes et super sepulcrum prius defuncti clavo vestibus conclavatam mortuam invenientes. [Defektive Konstruktion: es fehlt ein finites Verb.]
Jedenfalls sollte dieser kleine Fundbericht die Berlin-Brandenburgische Akademie ermuntern, zügig mit der weiteren Erschließung der Schätze des Handschriftenarchivs fortzufahren.
Aktualisiert: 25.7.2002