Eine erfundene Sage aus der "Stuttgarter Stadt-Glocke" 1845
© 1998 Klaus Graf
Im Inhaltsverzeichnis findet sich folgender Quellennachweis: "Nach Neuber und nach 'Württ. Volksbücher' v. Württ. Ev. Lehrerunterstützungsverein Stuttgart". Die Neubersche Chronik ist verschollen [Anm. 2], doch führt die zweite Literaturangabe auf die richtige Spur. Diese 1905 publizierte populäre Sammlung württembergischer Sagen enthält unmittelbar nach der Gmünder Ringsage den Text "Die zwei ungleichen Brüder von Rauber" [Anm. 3]. Zuvor hatte das vielgelesene Sammelwerk "Württemberg wie es war und ist. Geschildert in einer Reihe von vaterländischen Erzählungen" die Schauerstory bereits populär gemacht. Sie war Bestandteil der Erzählung "Die Burg Rauber auf dem Hasenberg", die gleich im ersten Band enthalten war. Die erste Auflage erschien 1854, die achte 1898 [Anm. 4]. Als Quelle diente dieser Zusammenstellung die Fortsetzungsgeschichte "Die Burg Rauber auf dem Hasenberg. Zerstört durch Rudolph den Habsburger um's Jahr 1268" in der "Stuttgarter Stadt-Glocke. Ein Tag- und Nachtblatt" des Stuttgarter Buchdruckers Johann Gottfried Munder [Anm. 5]. Die letzte Episode ist überschrieben mit "Untergang der Enzinger" und erschien in der Ausgabe vom 11. April 1845 auf den Seiten 357 bis 359. Hier liegt nun die Urquelle für die angebliche Gmünder "Sage" vom Stadtrichter vor. (Der Text wird unten abgedruckt.)
Die in der Stadt-Glocke veröffentlichten Erzählungen sind, wie man seit langem weiß, literarische Erfindungen, "unechtes Sagengut" also. Der Buchdrucker, vielleicht auch sein Bruder, der Pfarrer Wilhelm Friedrich Munder, hat sie verfaßt, um dem Stuttgarter Lesepublikum des Vormärz spannende historische Unterhaltung zu bieten. Entfaltet wurde nicht weniger als eine vollständige Mythologie der Stadt, die alle wichtigen Stuttgarter Örtlichkeiten als Erzähl-Male auftreten ließ und umgekehrt alle bedeutsamen Epochen der württembergischen Geschichte mit heimatlichen "Sagen" illustrierte. Es war Trivialliteratur in der Art der Kolportageromane, was man in dem originellen und vielverschlungenen Blatt vorgesetzt bekam: "Blutscenen, Greuel, Widerwärtigkeiten und merkwürdige Schicksale" [Anm. 6]. Die Erzählungen experimentierten durchaus gekonnt mit einer gewollt altertümlichen Sprache. Diese inspirierte Eduard Mörike, der in seinem reizvollen Märchen "Das Stuttgarter Hutzelmännlein" von 1853 einige eigenwillige Wortprägungen aus Marchthalers Eßlinger Hauschronik, einer der fingierten Quellen Munders, entnahm.
Die Stadtrichter-Story schlägt das Raubritterthema an, das sich im 19. Jahrhundert größter Beliebtheit erfreute [Anm. 7]. Aus Raubrittersagen stammt das Motiv der umgedrehten Hufeisen [Anm. 8]. Ein historisches Vorbild für die Geschichte der beiden ungleichen Brüder - der eine Raubritter, der andere Stadtrichter - ist in der spätmittelalterlichen Überlieferung jedoch, soweit ich sehe, nicht auszumachen. Der Stoff paßt eher zur Schauer-Romantik des 19. Jahrhunderts. Unhistorisch ist für Schwäbisch Gmünd auf jeden Fall die Institution des Stadtrichters: Todesurteile wurden von dem als Halsgericht fungierenden Stadtgericht unter dem Vorsitz des Schultheißen gesprochen [Anm. 9]. Ebensowenig gab es einen "Kriegsbannherr".
Ein wenig Gmünder Lokalkolorit ist in die Erzählung an drei Stellen eingeflossen. Der Autor kennt das Flechtbandornament ("Zweifelstrick", zwiefältig gewundener Strick) unterhalb der Madonna an der Südwestecke der Johanniskirche, er weiß, daß die ehemalige Dominikanerkirche zu seiner Zeit als Roßstall benützt wurde, und er nennt als Dichter des Epitaphs für den Stadtrichter einen Mönch Xaver Hammerstätter. Eine Familie Hammerstätter gab es in der Tat im mittelalterlichen Gmünd. In Joseph Alois Rinks 1802 gedruckter Stadtgeschichte konnte man nachlesen, daß 1445 Anna Hammerstetterin ein Kloster (das spätere Franziskanerinnenkloster St. Ludwig) für Seelschwestern gestiftet habe. In dieser Schrift begegnet auch die wörtlich bei Munder wiederkehrende Formulierung von den "drey ineinander geschlungenen Bretzen" für den "Zweifels Strick", und vielleicht hat die hier ebenfalls vorzufindende Erwähnung einer Familie Rauber unter den im 14. Jahrhundert in Gmünd regierenden Familien den Anlaß gegeben, den Untergang der Enzinger, die sich nach der Munderschen Erzählung auch "von Rauber" nannten, nach Schwäbisch Gmünd zu verlegen [Anm. 10].
Im ersten Band seines Heimatbuches (1926 in zweiter Auflage erschienen) führte Georg Stütz die von Munder erfundene Inschrift des Enzinger-Grabdenkmals an, das "angeblich" noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts vorhanden gewesen sei. Er relativiert die Authentizität zwar ("soll folgende Inschrift aufgewiesen haben"), unterläßt aber den Hinweis, daß es sich keinesfalls um einen mittelalterlichen Text handeln kann. Munders Verse wirken wohl absichtlich ungelenk, und mit der komisch wirkenden Formulierung, Herr Enzing sei unterm Brusttuch sauber gewesen, wollte der Stuttgarter Sagenfabrikant seine Leserschaft vermutlich amüsieren und augenzwinkernd zu verstehen geben, daß alles nicht so ganz ernst zu nehmen sei. Im Anschluß an die Wiedergabe der Grabschrift faßt Stütz mit der Einleitung "Die Sage weiß dazu näherhin zu melden" die Erzählung kurz zusammen, wobei er ein neues Detail hinzuerfindet: Der Stadtrichter sei "wegen seiner Gelehrsamkeit und Rechtlichkeit von der ganzen Stadt tief betrauert" worden [Anm. 11]. Die merkwürdige Wendung, man habe den Räuber "an den Schneller ob dem Rößlein" gehenkt, womit wohl der Galgen gemeint ist, zitiert Stütz, läßt sie aber unerklärt und suggeriert damit, dies sei tatsächlich eine alte Gmünder Bezeichnung.
Erhebliche Freiheiten nahm sich der Gmünder Oberlehrer auch bei der Bearbeitung der Munderschen Erzählung für seinen Sagenband heraus. Der Text, von Munders sprachlichen Archaismen weitgehend gereinigt, wird im Stil süßlichen Sagenkitsches neu erzählt und mit anschaulichen Details - etwa der Erwähnung der Gmünder Paternosterherstellung - ausgeschmückt. Die Adjektive fallen wie mit der Schablone gestanzt: "auf trutziger Feste in lichter felsenumgürteter Höhe". Eigene inhaltliche Zutat von Stütz ist die Angabe, der Edle von Rauber habe der Stadt bei Befestigungsbauten viele Dienste geleistet. Kurz: Es ging dem Schulmann nicht um die getreue Wiedergabe einer vorgefundenen Fassung, sondern um eine gut lesbare Geschichte, die nicht zuletzt im Unterricht Verwendung finden sollte.
Zwei Jahre nach Erscheinen des Stützschen Sagenbandes griff Regierungsrat a.D. Alois Marquart in Ludwigsburg 1929 im zweiten Jahrgang der Gmünder Heimatblätter auf die Version von "Württemberg wie es war und ist" in der Fassung Carl Weitbrechts von 1898 zurück. Sein Beitrag "Der Untergang der Enzinger oder Roßwager zu Schwäb. Gmünd" gab den Text als "eine unfürdenkliche alte Sage" aus [Anm. 12]. Wie eine historische Begebenheit behandelte die Geschichte die Schriftstellerin Hildegard Meschenmoser (1883-1958) in ihren historischen Miniaturen "Im Zeichen des Einhorn", erstmals publiziert in einigen Folgen der Heimatzeitschrift "einhorn" und 1987 als "einhorn-Taschenbuch 3" nochmals abgedruckt. Im Dezember 1953 erschien in Heft 2 des "einhorn": "Die Vorstädter stürmen die Stadttore. Was sich zu Gmünd im 14. Jahrhundert hat begeben" [Anm. 13]. Die Darstellung, in deren Mittelpunkt ein urkundlich bezeugter Konflikt der Vorstädter mit den Innenstädtern von 1378 steht, geht an sich sehr zurückhaltend mit erfundenen Details um. Am Schluß wird ohne irgendwelche Distanzierungen nüchtern die Stadtrichter-Story nacherzählt. Meschenmoser schließt mit den Worten: "Ein Gedicht auf seinem Grabstein über diesen Vorfall hält noch lange die Erinnerung an ihn wach". Aus dem literarischen Unterhaltungsstück für das Stuttgarter Lesepublikum des Vormärz ist in Schwäbisch Gmünd eine örtliche "Sage" und nun sogar ein historisches Faktum geworden, offenkundig dazu bestimmt, leuchtende Farbe in eine Darstellung der spätmittelalterlichen Geschichte zu bringen. Zuletzt demonstrierte Lisa Elsers eingangs erwähntes Volksstück (es verquickte die Handlung mit der Hexenthematik), daß aus Munders historisierender Phantasie von 1845 sich noch heute Funken schlagen lassen.
1. Stuttgarter Stadt-Glocke 11.4.1845
Untergang der Enzinger.
Fort zogen die v. Enzinger gen Lenningen bei Kirchheim, wo ein alter Edeler v. Sulzburg
saß, der in Ruhe lebte und seine beiden Burgen auf der Alp zu verkaufen ausbot. Der
Roßwaager erwarb sich die Veste Eck unweit Teck und stellte dieselbe quaderfest her.
Nicht lange aber dauerte sein Wohnen auf der neuen Burg, so zog er auf Raub aus und Alles war
gerecht, was auf dem Rücken der Krämer, an den Lenden der Bauern, oder auf
Frachtwagen des Weges daher kam, dabei litten gar viel die Umwohner und die
handeltreibenden Städte Gmünd, Kirchheim, Nürtingen, Reutlingen und
Blaubeuren, zuweilen auch Eßlingen. Etlich und fünfzig Jahre duldeten die
Städter diese Plage, weil sie nie die rechte Spur finden konnten. Denn der schlaue
Burgherr hatte seinen Rossen, worauf er mit seinen Gesellen auf Freibeuterei ritt, die Hufeisen
verkehrt aufgeschlagen, so, daß wenn er hinritt, die Huftritte sich zeigten, als ob er
hergeritten wäre. Endlich kundeten dieß die Gmünder ab, überfielen
das Raubnest, so lange der Stegreifler mit seinem Troß abwesend war, brachen, so viel sie
konnten, von den Mauern ab, nahmen an Tragbarem mit, was thunlich ward, zuneben aber auch
die Herrin nebst ihren zwei Knaben. Als der Burgherr heim kam, entsetzte ihn das Geschehene
gar sehr und er jagte den Gmündern nach, holte sie ein, wurde aber von ihnen mit
blutigem Kopfe heimgeschickt. Nach wenigen Wochen ritt er freiwillig nach Gmünd, um
sich ehrenvest dort niederzulassen, und bei seiner Familie zu leben. Bald ward er wohlgelitten
daselbst, und unter dem Namen Edler v. Rauber, that er der Stadt als Kriegsbannherr viele
Dienste, und starb daselbst in großem Ansehen. Sein Begräbniß ward ihm in
der St. Johanneskirche benannter Stadt gegeben, unter dem Männlein mit dem
sogenannten "Zweifelsstrick", welcher drei in einandergeschlungene Brezeln
vorstellt. Der eine seiner Söhne war rückenkrumm, zum Kriegsdienste untauglich,
aber ein gelehriger Herr, der schon jung an Jahren zum Stadtschreiber gemacht wurde und
später zum Stadtrichter vorrückte. Der zweite war ein kräftiger, stolzer
Mann, dem der Stadtdienst nicht behagte und in das Schloß sich zurücksehnte, wo
er als Kind wohnte, um daselbst unabhängig zu leben. Er gab seinen Vorsatz der
Stadtgemeinde zu erkennen, die unter Vermittlung seines Bruders ihm ein ansehnlich
Abfindgeld zahlte, womit er stracks abritt, nachdem er geschworen hatte, Frieden zu halten zu
wollen gegen Gmünd treulich und ohne Gefährde. Vierundzwanzig Jahr
später, brachte man einen hohen Mann, mit bleichen Haaren, gefangen nach der freien
Reichsstadt Gmünd, den man als Räuber überwältigt hatte, im
Schlichterholz (Schurwald). Unter keinen Umständen verrieth der Geworfne seinen
Namen und es wurde ihm, den 6. des Erntemonats 1399, auf dem Marktplatz zu Gmünd
die rechte Hand abgehauen und er hierauf an den "Schneller ob dem
Rößlein" gehängt. Nachdem er todt war und der Henker seine Kleider
ihm abnahm, fand sich sein Name roth geätzet auf seinem rechten Arme, wodurch es klar
wurde, wer er war, und daß sein eigener Bruder sein Richter war, worüber dieser
sich also entsetzte, daß er ein Jahr später, am Mariä Himmelfahrtstage 1400,
starb. Mit ihm erlosch die Familie der "Roßwaager", was noch zu Anfang
dieses Jahrhunderts auf einem Votivstein in der Dominikanerkirche, welche jetzt ein
Roßstall ist, zu Gmünd zu schauen war. Den Stein zierte ein Wappen, das einen
Reiter vorstellte, welcher über eine hohe Mauer herabspringt, unten war ein nackter
Mann, welcher verschiedenen Ritterschmuck um sich herliegen hatte, und mit
hochgeschwungenen Armen eine Tafel zerschlug. Dazwischen stand:
Hier fand Herr Enzing lobereich
Nach Mühwerk Todeslager!
Schwach war sein Körper, stark sein Geist,
Der Letztsproß der Roßwaager.
Ihm ward die Schickung zubestimmt,
Dem Bruder abzukünden
Das Leben, das peinrecht verwirkt
Er hatt' mit Raubessünden.
Drob grämete der Edelmann
Sich also ab hienieden,
Daß er nachdem in einem Jahr
Sein Haupt geneigt zum Frieden.
Obgleich sein Nam hie allweg hieß:
"Hans Anton Max von Rauber,"
So war er unterm Brusttuch doch
Von jedem Unrecht sauber.
Deshalb han ihm dieß Mal erricht',
Frei Gmündens lobsan Städter,
Und dieß hat ihm sein Freund gedicht',
Mönch Xaver Hammerstätter,
Um's vierzehnhundert und erste Jahr,
Da es eben just Bluschtmond (Mai) war.
2. Georg Stütz: Sagen der Heimat, 1927
Der Stadtrichter von Gmünd
Der Herr von Enzingen, dessen Burg bei Vaihingen an der Enz stand, besaß eine edle Mähre, einen Renner, um den ihn jeder Ritter beneidete. Durch List und Trug gelang's dem Grafen von Calw, sich dieses Rosses zu bemächtigen. Der Enzinger aber schlich sich in dessen Burg, suchte sein Pferd, schwang sich drauf und ritt davon. Doch der Burgherr erblickte ihn gerade noch zur rechten Zeit, gab mit dem Hifthorn das Torschlußzeichen, und gefangen war der Enzinger. Der aber trieb seinen Gaul auf den Mauersteig, gab ihm die Sporen und rief: "Roß, wag's!" Ein Sprung über die Zingeln, und das edle Tier lag zerschmettert im turmtiefen Abgrund. Der Ritter aber war nur leichtverletzt und entkam; denn außen hatte sein Knappe mit einem andern Roß auf ihn gewartet. Von da an hieß man sein Geschlecht die Roßwager.
Einer seiner Nachkommen erwarb durch Kauf die Burg Eck unweit der Eck. Dieser Burgherr gehörte zu den schlimmsten Strauchrittern des Landes. Den Bauern trieb er das Vieh weg, dem Kaufmann plünderte er den Frachtwagen, den Wanderer enthob er der Sorge um den vollen Beutel. Darob wurden die umliegenden Reichsstädte dem Schnapphahn grimmig aufsässig, sonderlich die Gmünder, bei denen dem verwegenen Räuber schon mancher gute Fang gelungen war. Auf die Paternoster der Gmünder Kaufleute hatte er's ja nicht abgesehen, aber auf die Fässer mit italienischen Weinen, die Kisten mit Seide und Baumwolle und die gefüllten Geldkatzen. Wiederholt schickten die Gmünder Reisige aus mit der Weisung, den Strauchdieb lebend oder tot in ihre Gewalt zu bringen, aber diese konnten nie die rechte Spur des Räubers finden; denn er hatte den Rossen, worauf er und seine Spießgesellen auf Freibeuterei auszogen, die Hufeisen verkehrt aufgeschlagen. Aber die Gmünder waren auch nicht auf den Kopf gefallen. Durch ihre Spione erkundigten sie eine Zeit, wo der Raubritter mit seinen Kumpanen abwesend war, überfielen da die Raubburg, setzten ihr den roten Hahn aufs Dach und nahmen die Burgfrau und ihre beiden Söhnlein als Gefangene mit. Als der Ritter zurückkehrte, entsetzte ihn das Geschehene gar sehr, und er jagte mit seinem Troß den Gmündern nach, aber die Stegreifler wurden mit blutigen Köpfen heimgeschickt. Die Liebe zu Weib und Kind zwang den Ritter zu einem demütigen Schritt: er ritt vor die Tore Gmünds und bat, ihn in der Stadt bei seiner Familie im Frieden leben zu lassen. Aus Mitleid und Klugheit zugleich entsprach der Rat der Stadt dieser Bitte, nachdem der Roßwaager zuvor Urfehde abgelegt hatte. Bald war der einstige Feind bei der Bürgerschaft wohlgelitten und hochangesehen, zumal er der Stadt bei Befestigungsbauten viele Dienste leistete. Unter dem Namen Edler von Rauber lebte er noch viele Jahre unter den Gmündern, und als er starb, ward er in der Johanniskirche unter dem Männlein mit dem Zweifelsstrick begraben.
Der Verschiedene hinterließ zwei Söhne, die an Körper und Geist gar verschieden waren. Der eine war schwächlich und rückenkrumm, aber hochgelehrt und edel gesinnt, weshalb er schon in jungen Jahren zum Stadtschreiber und später sogar zum Stadtrichter gewählt wurde. Der andere war ein starker und schöner Mann von verwegenem Sinn und unbändigem Mut. Ihm, dem der Raubritter im Blute lag, war's zu eng in den engen Mauern der Stadt und im engen Lebenskreis der Handwerker und Pfeffersäcke. Frei und unabhängig wollte er leben, so wie einst der Vater, da dieser noch auf trutziger Feste in lichter felsenumgürteter Höhe hauste. Er gab seinen Wunsch dem Rat der Stadt zu erkennen, und der ließ ihn gerne scheiden, gab ihm sogar noch ein ansehnlich Abfindungsgeld, nachdem er geschworen hatte, allweg treulich Frieden halten zu wollen gen Gmünd. Man hörte von da an nichts mehr von ihm, und jedermann glaubte, er werde auf einer Abenteuerfahrt sein Leben geendet haben.
Zwanzig und mehr Jahre waren seit dem Wegzug des stolzen Roßwagers durchs Land gegangen, als man im Schlichterholz (Schurwald) einen Räuber überwältigte, der schon lange die ganze Gegend in Schrecken versetzt hatte. Man brachte den Gefangenen, einen starken Mann mit gebleichtem Haar und finsterem Blick, nach Gmünd, damit ihn der Stadtrichter nach Recht und Gesetz aburteile. Dieser fragte den Missetäter nach Namen, Stand und Heimat, aber der verweigerte darauf jede Antwort. Da wurde mit ihm verfahren, wie es das Recht gegen Räuber verlangte. Am 6. Tag des Erntemonds 1399 wurde ihm auf dem Marktplatz neben dem Pranger die rechte Hand abgehauen, und hierauf wurde er an den Schneller ob dem Rößlein gehängt. Nachdem er tot war, nahm ihm der Henker, wie üblich, die Kleider ab. Da sah er, daß am rechten Arm des Toten dessen Name rot eingeätzt war, und dieser Name tat kund, daß der Hingerichtete niemand anderes war als der verschollene Bruder des Stadtrichters. Als dieser erfuhr, daß er den eigenen Bruder dem Galgen überliefert hatte, da ward es Nacht in seiner Seele, und sein Schmerz war über alle Maßen. Die Kraft seines Lebens brach, und nach einem Jahre, am Himmelfahrtstag 1400, stand sein Herz im Tode still. Mit ihm erlosch die Familie der Roßwager, was noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts auf einem Votivstein der Dominikanerkirche zu sehen war. Den Stein zierte oben ein Wappen, das einen Reiter darstellte, der über eine hohe Mauer hinabspringt. Unten lag ein nackter Mann, der verschiedenen Ritterschmuck um sich herliegen hatte und mit hochgeschwungenen Armen eine Tafel zerschlug. Dabei stand:
Hier fand Herr Enzing lobereich
nach Mühwerk Todeslager.
Schwach war sein Körper, stark sein Geist,
der Letztsproß der Roßwaager.
Ihm ward die Schickung zubestimmt,
dem Bruder abzukünden
das Leben, das peinrecht verwirkt
er hat mit Raubessünden.
Darob grämte der Edelmann
sich also ab hienieden,
daß er nachdem in einem Jahr
sein Haupt geneigt zum Frieden.
Obgleich sein Nam hie allweg hieß:
"Hans Anton Max von Rauber",
so war er unterm Brusttuch doch
von jedem Unrecht sauber.
Deshalb han ihm dieß Mal erricht't
frei Gmündens lobsam Städter,
und dieß hat ihm sein Freund erdicht't,
Mönch Xaver Hammerstätter,
ums vierzehnhundert und erste Jahr,
da es eben just Blustmond war.
[1] Georg Stütz, Sagen der Heimat, Schw. Gmünd 1927, S. 8-11; 3. Aufl. (bearb. von Lucie Stütz mit Quellennachweis von Klaus Graf), ebd. 1981, S. 17-19. Zu den Gmünder "Sagen" vgl. Klaus Graf, Gebilde törichter Phantasie? Überlegungen zu Gmünder "Sagen", ostalb/einhorn 25 (1998), H. 97, S. 36-45; Ders., Das Salvatorbrünnlein. Eine bislang unbekannte Gmünder "Sage" aus der Sammlung des Stuttgarter Gymnasialprofessors Albert Schott d. J. (1809-1847), einhorn-Jb. 1995, S. 109-118 (S. 116 zur hier besprochenen Erzählung). [zurück]
[2] Ihr entnahm Stütz auch die Nr. 3 und 6 seiner Sagen von 1927. Rudolf Weser schrieb eine "Neubersche Chronik", die er dem Pfarrer Vinzenz Neuber (1803-1874) zuweist, ab, doch fehlen in seiner Kopie Sagen, weshalb es sich um ein anderes Werk gehandelt haben dürfte, vgl. Klaus Graf, Gmünder Chronisten im 19. Jahrhundert, einhorn-Jb. 1981, S. 177-185, hier S. 182 mit Anm. 9. [zurück]
[3] Württ. Volksbücher, Stuttgart o. J. (1905), S. 170-174. [zurück]
[4] Württemberg wie es war und ist, hrsg. von Fr. Müller Bd. 1, Stuttgart 1854, S. 421-430; 8. Aufl., hrsg. von Carl Weitbrecht, ebd. 1898, S. 274-281 mit Kommentar S. 511f. Sie fehlt in der Auswahlausgabe von Franz Georg Brustgi, Stuttgart 1980, die aber einen wichtigen Anhang zur historischen Einordnung des Werks von Volker Trugenberger und Georg Wieland enthält (S. 251-287). [zurück]
[5] Zum folgenden vgl. den Abschnitt: Erfundene Sagen: Die "Stuttgarter Stadt-Glocke" und ihre Folgen, in: Klaus Graf, Sagen rund um Stuttgart, Karlsruhe 1995, S. 55-68 mit Nachweisen S. 216 zu Nr. 57. [zurück]
[6] So in einer Munderschen Nachfolgepublikation zur Stadt-Glocke: Die Glocke. Ein historisches Unterhaltungs-Buch für jeden Stand und jedes Alter, Stuttgart 1849, zitiert nach dem Antiquariatskatalog 29 des Antiquariats Wilfried Melchior, S. 38 Nr. 396. [zurück]
[7] Vgl. die Hinweise von Kurt Andermann in: "Raubritter" oder "Rechtschaffene vom Adel"? Aspekte von Politik, Friede und Recht im späten Mittelalter, hrsg. von Dems., Sigmaringen 1997, S. 9-11. [zurück]
[8] Vgl. z.B. Graf, Sagen rund um Stuttgart, S. 150 Nr. 178. [zurück]
[9] Vgl. Klaus Graf, Gmünd im Spätmittelalter, in: Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd, Stuttgart 1984, S. 114. [zurück]
[10] Rink, Kurzgefaßte Geschichte, und Beschreibung der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd, Nachdruck Schw. Gmünd 1982, S. 42, 86, 29. Rinks Quelle für die Erwähnung der Rauber war die Nennung Kraft Robers (er hat nichts mit den Adelsfamilien zu tun) in der chronikalisch überlieferten Bürgermeisterliste, ediert bei Klaus Graf, Gmünder Chroniken im 16. Jahrhundert, Schw. Gmünd 1984, S. 257. [zurück]
[11] Stütz, Heimatbuch für Gmünd und weitere Umgebung Bd. 1, 2. Aufl. Schw. Gmünd 1926, S. 91f. [zurück]
[12] Gmünder Heimatblätter 2 (1929), S. 37-39. [zurück]
[13] einhorn 1953 H. 2, S. 57-59; Meschenmoser, Im Zeichen des Einhorns, Schw. Gmünd 1987, S. 23-28. [zurück]
Druckveröffentlichung: einhorn-Jahrbuch Schwäbisch Gmünd 1998, S. 99-106